Entdeckungsreise auf dem Kirchhof

Die Kirche in Grasberg ist, wie so viele andere auch, in diesem Jahr über Ostern geschlossen. Der Friedhof jedoch nicht. Viele Menschen gehen gerne an solchen stillen Orten spazieren: Der Cimetière du Père-Lachaise in Paris, Friedhof Ohlsdorf in Hamburg oder der Riensberger Friedhof in Bremen sind nur einige Beispiele. Doch auch in Grasberg gibt es etwas zu entdecken. Die meisten Gräber sind voller Zeugnisse eines liebevollen Gedenkens. Grabsteine, besonderes die aus vergangenen Jahrhunderten, erzählen Geschichten.

An der Rückseite der Grasberger Kirche stehen fünf besonders schöne Exemplare. Ein paar davon sehen wir uns gleich genauer an. Die Inschriften sind nicht immer leicht zu lesen. Aber die Reise in die Vergangenheit lohnt sich!

Familiengrab für Rautendorf Nr. 1

Vorderseite: Familiengrab für Nr 1 in Rautendorf / Hier ruhet Johann Hinrich Warnken, / geboren in Eikedorf (sic) den 22. April / 1818, gestorben den 23. April 1866. / Er zog im Jahr 1834 mit seinen / Eltern nach Rautendorf, vereheligte / sich im Jahr 1843 mit Gesche, geb. / Müller aus Seebergen, geboren den 16. / September 1808, gestorben den 3. Juli 1874.

Leichentext: j Petri 4 v. j. Weil nun Christus im / Fleisch für uns gelitten hat, so wapnet / euch auch mit dem selbigen Sinn, / denn wer am Fleisch leidet, der / höret auf von Sünden.

Rückseite: Dieses Denkmal ist gesetzt von der / hinterbliebenen Witwe / Gesche Warnken. / Nimm, ach nimm zum Liebeszeichen / Dieses Denkmal von mir an, / Weil ich deiner blassen Leichen / Ferner nichts erweisen kann. / Deinen Wunsch hab ich vollbracht: / Nun zu tausend gute Nacht! / Ruhe bis am letzten Morgen: / Mein Schmerz ist und bleibt verborgen. / Täglich wird dein Bild mir schweben / Vor den Augen und im Sinn / Wo ich ja soll länger leben / Die ich bald gestorben bin / Dein in Treu Beständigkeit / Mehrt und mindert mir das Leid. / Niemand ist, der jetzt nicht sage, / Daß ich billig dich beklage.

(Der Text stammt aus dem Trauerlied über den unverhofften Abschiede N.N. im Namen einer Betrübten von Johann Heermann vor 1644?)

Grabstelle Claus Müller aus Wörpedorf, Vorderseite

Vorderseite: Hier ruhet / Claus Müller aus / Wörpedorf geb. d. 6. May 1787 / gest. d. 25. Oct. 1869. Er ist in den / Ehestand getreten d. 28. July 1811 / mit Abelke Müller gb. Behrens / geb. d. 8. Aug. 1794, gest. d. 8. Febr. 1872. / Diese Ehe wurde gesegnet mit / 11 Kinder: 3 Söhne und 8 Töch- / ter, davon 2 Söhne und 1 Toch- / ter verstorben sind. / Dieses Denkmal der Liebe / ist gesetzt von den hinter- / bliebenen 8 Kindern.

Rückseite

Rückseite: Leichentext / Hiob 10 v. 12 / Leben und Wohlthat / Hast du an mir gethan und / dein Aufsehen bewahret / meinem Oden (sic).

Ruhet sanft, geliebtes Elternpaar / In eurer stillen Gruft / Bis zu der seligen Geisterschaar / Euch einst der Heiland ruft. / Dort werden wir uns wiedersehn / Und ewig Gottes Ruhm erhöhn / Hallelujah, Hallelujah.

Die Anzahl der Kinder stellt den Betrachter zunächst vor ein Rätsel. Die Zahl Elf ist klar erkennbar. Die Anzahl der Söhne sieht auf den ersten Blick wie eine Acht aus, ist bei genauem Hinsehen aber eine Drei. Die Ziffern bei den verstorbenen Kindern sind beschädigt und sehen beide fast gleich aus. Jedoch wird bei Tochter der Singular verwendet.

Aus heutiger Sicht ist das eine wirklich große Kinderzahl. In früheren Zeiten war die eher üblich, allerdings war die Kindersterblichkeit – und die der Mütter im Kindbett – auch wesentlich größer.

Familiengrab Harm Tietjen, Vorderseite

Vorderseite: Familiengrab / Harm Tietjen / geb. 4. Nov. 1800 gest. 10. März 1863 / Trina Margarethe Tiet- / jen geb. Schnakenberg / geb. 8. Juli 1811 gest. 20. Decbr. 1884 / Gesche Marg. Tietjen / geb. 22. Oct. 1842 gest.10. April 1844. / Johann Tietjen / geb. 22. Febr. 1845 gest. 22. Decbr. 1845 / Hermann Tietjen geb. 29. Mai 1847 gest. 21. Jun. 1862.

Rückseite

Rückseite: Offenb. Joh. 21 v. 4 / Was wir bergen / in den Saergen, / ist das Erdenkleid. / Was wir lieben, / ist geblieben / bleibt in Ewigkeit.

Diese Familie hatte zwar nur drei Kinder, jedoch verstarben zwei schon im Säuglings- bzw. Kleinkindalter. Auch das dritte Kind hat seine Eltern nicht überlebt. Warum – ein Unfall, eine Krankheit? Darüber gibt der Grabstein leider keine Auskunft.

Die Verse stammen allerdings von Johann Wolfgang von Goethe, nicht aus der Offenbarung des Johannes.

Kirche an Ostern zuhause – Pastor Riesebeck schreibt: „Gründonnerstag, Karfreitag, Ostern – an diesen Tagen hätten wir gemeinsam Gottesdienste gefeiert, in unserem Gemeindehaus, in unserer Kirche. Das geht aber nicht. Feiern wir zu Hause Gottesdienst. Gleichzeitig.“ Er stellt dazu Hausandachten ins Internet, sie können hier angezeigt werden.

Vier der insgesamt fünf alten Grabsteine auf dem Grasberger Friedhof.

Eventuelle Fehler beim Ablesen / -schreiben liegen in meiner Verantwortung.

Ethik für den Alltagsgebrauch

Im ländlichen Raum interessieren sich Menschen nicht nur für plattdeutsche Schwänke, sondern auch für schwierige Themen wie Philosophie oder Ethik. Den Beweis dafür gibt es bei der Veranstaltung in Tarmstedt: Der erimetierte Bischof und Ratvorsitzender der EKD, Prof. Dr. Dr. Wolfgang Huber (77), ist der Einladung gefolgt und etwa 200 Gäste ebenfalls. Veranstalter sind Thomas Werner, der Leiter eines offenen Gesprächskreises, die örtlichen Kirchengemeinden und die KGS Tarmstedt.

In der Ethik gibt es nicht immer die eine Antwort, dass wird schon zu Beginn schnell klar. Soll man lieber etwas bewahren oder Veränderungen suchen? Für beide Standpunkte gibt es gute Begründungen. Im Vortrag geht es um das Übernehmen von Verantwortung, der Herausforderung ein Weltbürger zu sein und Nachhaltigkeit.

Ein Thema ist beispielsweise „Informationszeitalter – Beherrschen uns die Medien?“. Von Zeitungen fühlt sich Huber nicht beherrscht. Aber angesichts der Macht der großen Internetunternehmen zeigt er sich ziemlich besorgt. „Du bist nicht der Kunde der Internetkonzerne, Du bist ihr Produkt!“ Das Wirken des Internets verabschiedet sich von den Regeln der sozialen Marktwirtschaft und alle machen freudig mit. Wir nutzen alle eine Dienstleistung, für die wir nicht bezahlen. Wir zahlen auf eine andere Weise: mit unseren privaten Daten. Die Unterscheidung zwischen dem öffentlichen und privaten Raum wird eingeebnet. Das persönliche Leben braucht einen privaten Raum. Die Kultur des Analogen sollte man weiter hochhalten, so Huber. Die Fähigkeit direkt mit anderen Menschen zu kommunizieren dürfen wir nicht verlieren. Über das Netz spinnen wir uns ein, leben in Filterblasen und verändern uns nicht.

Nach einer kurzen Pause geht es mit einem Podiumsgespräch weiter. Das Thema Nachhaltigkeit bewegt alle. „Wie bin ich ein guter Mensch?“, und „Wie lebe ich richtig?“ sind Fragen, die André Fesser von der Wümme Zeitung umtreiben. Wolfgang Huber sieht sich als leidenschaftlichen Befürworter von „Fridays for Future“. Von geschürter Panik hält er jedoch nichts, da Angst niemanden zu positiven Handeln bewegt. Es sind nach Chancen, die in der eigenen Reichweite liegen, zu schauen. Die Wechselwirkung mit anderen Themen beachten, damit nicht das eine Übel gegen ein anderes getauscht wird. Und das physische Klima darf nicht gegen das gesellschaftliche ausgespielt werden. Totalitäre Lösungsvorschläge retten nicht die Welt, findet Huber. Oftmals seien es die Kinder, die in den Familien für Veränderungen sorgen.

Tipp: Die Grundlage zum Gespräch bildet Wolfgang Hubers Buch „Ethik – Die Grundfragen unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod“ C.H. Beck Verlag, ISBN 978-3-406-65560-9, 19,95 EUR (Unbezahlte Werbung, Hinweis laut Blogger-Kodex).

Zur Person: Prof. Dr. Dr. hc Wolfgang Huber (77), ehemaliger Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), Mitglied des Deutschen Ethikrats, Vorsitzender der Stiftung Garnisonskirche Potsdam, Vorsitzender Domstift Brandenburg/Havel, Vorsitzender der Stiftung Dietrich-Bonhoeffer-Lehrstuhl, diverse weitere Ehrenämter. www.wolfganghuber.info

Über andere Aspekte dieses vielseitigen Abends schreibt Johannes Heeg in der Wümme Zeitung.

Von links nach rechts: Thomas Werner (Veranstalter), Rabea Heitmann, Janne Stolze, Wolfgang Huber, Steven Lührsen, Frauke Bruns, Angela Feldhusen (verdeckt), André Fesser
Foto: Christiane Seeger